Home
Presse
Anträge
Themen
Ausschüsse
Maxvorstadt
Privat
Sport
Kontakt
Stadtratsfraktion
Partei


München ist seit vielen Jahren Mitglied im Klimabündnis, einem Zusammenschluss europäischer Städte und Gemeinden, die eine Partnerschaft mit indigenen Völkern der Regenwälder eingegangen sind. Die Partner in diesem weltumspannenden Bündnis verbindet die gemeinsame Sorge um das Weltklima. Um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, setzt das Klimabündnis auf das Engagement und die Vielfalt der lokalen Ebene.
Das Klima-Bündnis will den Erhalt des globalen Klimas erreichen. Dazu gehört die Verringerung der klimaschädigenden Emissionen auf ein nachhaltiges Niveau in den Industrieländern im Norden und der Schutz der Regenwälder im Süden des Planeten.
Partnerschaft mit den indigenen Völkern bedeutet, dass sie in ihren Zielen unterstützt werden, ihre grundlegenden Rechte als Völker erlangen und in ihrer natürlichen Umwelt nach eigenen Entwicklungsvorstellungen leben und wirtschaften können.
Mit ihrem Beitritt haben sich die Mitgliedskommunen auf Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen verpflichtet. Diese Selbstverpflichtungen sind im Klima-Bündnis-Manifest (1990) und der Klima-Bündnis-Erklärung (2000) niedergelegt. München engagiert sich seit Jahren für die Ashaninka Indianer im Berglandregenwald Perus.
Im November 2004 hatte ich Gelegenheit als Vertreterin der Stadt München auf einer Delegationsreise in den peruanischen Regenwald, die Probleme in einer anderen Region Perus kennenzulernen. Erdölförderung am Rio Corrientes. Eindrücke der Reise und Erfahrungen der indigenen Völker am Fluss will dieser Reisebericht vermitteln.


Eine zerstörte Idylle

Erdölförderung und Holzeinschlag zerstören langsam die tropischen Regenwälder Amazoniens und damit die Lebensgrundlagen der indigenen Völker in den Weiten des Amazonastieflandes. Die Gewinne fließen fast ausschließlich ins Ausland. Die Völker des Regenwalds sind die Verlierer. Die peruanische Regierung lässt sie im Stich. Die Erdölindustrie gibt ihnen nur Almosen. Mit einer Delegation des Klimabündnisses war ich am Rio Corrientes in Peru und konnte mich selbst davon überzeugen, wie die Erdölförderung das Leben der Indianer zerstört.


Vier Uhr morgens. Kein künstliches Licht störte die natürlich Dunkelheit. Die Sterne wirken groß und nah. Der Mond leuchtet nur schwach. Unzählige Grillen versuchen sich gegenseitig an Lautstärke zu übertreffen. Hähne krähen. Angenehme Kühle erfühlt die Luft. Meine erste Nacht mitten im Urwald. Ich kann schon lange nicht mehr schlafen. Das Schnarchen meiner Kollegen und die Aufregung haben mich schon früh aus dem Schlafsack getrieben. Vor der Schule, in der wir unser Nachtquartier aufschlagen durften, beobachte ich, wie das Dorf langsam erwacht. Petroleumfunzeln werden angezündet, Stimmen werden lauter. Am Horizont beginnt es langsam heller zu werden. Die ersten Menschen kommen aus den Häusern. Um sechs Uhr ist es taghell. Das ganze Dorf ist auf den Beinen.

Stromaufwärts in die Tiefen des peruanischen Regenwaldes
Am Vortag waren wir, eine Gruppe von Politikern, Journalisten und Mitarbeitern des Klimabündnisses aus Österreich und Deutschland, mit einem Schnellboot in Iquitos gestartet, der Provinzhauptstadt des Bezirkes Loreto im peruanischen Amazonasgebiet. Ziel der Reise war es, die Auswirkungen der Erdölförderung auf das Leben der Indianer und ihrer Dorfgemeinschaften am Rio Corrientes, einem schwer zugänglichen und von Iquitos weit entfernten Regenwaldgebiet, kennen zu lernen.
Vor uns der unendlich breite Fluss, an den Ufern immer wieder Hütten oder kleinere Dörfer. Stromaufwärts drang das Boot immer weiter in die Zuflüsse des Amazonas vor. Nach jeder Abzweigung wurden der Fluss etwas schmaler und seine Windungen immer enger. Nach langer Fahrt kurz vor Dunkelheit stoppten wir in Providencia, einem Dorf am Rio Corrientes und suchten ein Nachtquartier. Frauen wuschen sich gerade am Fluss. Viele Kinder liefen zur Anlegestelle und beobachteten ungläubig unsere Ankunft. Wir waren das Ereignis. Die Ältesten des Dorfes erlaubten uns unsere Zelte in der Schule aufzuschlagen.
Es gab kein Wasser in diesem Dorf. Deshalb tauchte ich am nächsten Morgen doch etwas ängstlich kurz im Fluss ab. Das Bedürfnis nach Wasser nach der Hitze des Vortages war größer als die Angst vor Krokodilen, Sandflöhen oder der Verschmutzung. Herrlich, das warme, braune, lehmige Nass auf der salzigen Haut zu spüren. Nach dem kargen Frühstück mit Nescafe, Brot und Honig wurde es Zeit, dass wir loskamen. Die ersten Kinder warteten schon vor der Schule. Wir waren die Attraktion. Großer Abschied am Fluss und wir machten uns auf Richtung Trompeteros, dem Stützpunkt der Erdölfirma PlusPetrol am Rio Corrientes.
Doch nach 2 Stunden war plötzlich das Benzin aus. Wir trieben zurück und hofften, möglichst bald ein Dorf zu erreichen. Eine unheimliche Stimmung. Ohne den Motorlärm hörten wir plötzlich die Geräusche des Flusses und der Tiere im Wald und spürten das Tempo des Stromes, der uns langsam wieder flussabwärts trieb. Zwiespältige Gefühle kamen in mir auf. Die Angst, wie geht es weiter und die Ruhe des Dahingleitens auf dem Fluss kämpften gegeneinander. Da erreichten wir das Haus eines Kleinbauern, der uns etwas Benzin lieh, um zum nächsten Dorf mit Funkgerät zu kommen.

Wassertonnen und verrostete Landungsstege
San Martin, eines kleines Dorf, flussabwärts hatte ein Funkgerät. Eine große Errungenschaft mitten im Urwald, wo die Entfernungen zwischen den Dörfern in Tagesreisen gemessen werden. Wir konnten tatsächlich Benzin anfordern, das im Laufe des Tages geschickt werden sollte.
Ein Tag des Wartens lag vor uns. Peru und vor allem der Urwald erforderten viel Zeit, Geduld und Improvisationsvermögen. Das hatten wir inzwischen schon begriffen. Ein Tag, um das Leben im Dorf mitzuerleben und kennen zu lernen.
San Martin bot einen interessanten Einblick in die zweifelhaften Errungenschaften durch die Erdölfirmen. Der eiserne Landungssteg war halb im Fluss versunken, Wippen und Kletterstangen aus Eisen rosteten vor sich hin. Prunkstück des Dorfes waren vier Wassertanks, die mit Sonnenenergie Wasser aus einem Brunnen nach oben pumpten. Sonst nur armselige einfache Hütten mit offenen Feuerstellen. Und die obligatorische Schule. Aber eine außergewöhnliche Gastfreundschaft. Amelia schlachtete extra für uns ein Huhn und kochte eine leckere Suppe mit Maniok und unseren Nudeln vom Vortag. Vor der extremen Hitze – bestimmt 35 Grad – konnten wir uns in einer Hütte schützen, die uns die Dorfältesten für unseren Aufenthalt zur Verfügung gestellt hatten. Die Attraktion war unser Toastbrot, das vor allem die Kinder heiß begehrten. Denn sonst gab es meist nur Maniok, Kochbananen, Papayas, Ananas, Bananen und Huhn. Um vier Uhr nachmittags kam endlich unser Benzin und wir konnten die Fahrt nach Trompeteros fortsetzen.

Hifi im Urwald
Trompeteros, mit 2000 Einwohnern die "Metropole" am Rio Corrientes. Auf der gegenüberliegenden Uferseite die Pumpstation der Erdölfirma PlusPetrol. Rohre leiten kochendes Abwasser in den Fluss, versetzt mit Schwermetallen aus der Erdölförderung, wie uns berichtet wurde.
Am nächsten Tag unser großes Ziel Valencia. Dort sollte eine Versammlung der indigenen Gemeinden des Rio Corrientes zum Thema "Auswirkungen der Erdölförderung auf das Leben der indigenen Gemeinschaften" stattfinden. Auf dem Weg besuchten wir Copacuro, ein Dorf an einer Ölpipeline. Ein Bauer, Herberto Francisco Pizarro, berichtete über die Probleme mit der Erdölfirma: über ein Leck in der Pipeline, die ein Stück Regenwald völlig zerstört hatte, über die mangelnde Unterstützung durch Erdölfirma und Regierung. Keine Arbeit, nur ein paar Almosen, wie die Wassertanks und ab zu etwas Strom. Pizarros einziger Verdienst lag darin, etwas Obst und Gemüse an Mitarbeiter der Erdölfirma zu verkaufen.
Weiter ging's, doch plötzlich eine Vollbremsung. Das Boot war auf eine Sandbank gelaufen. Der Motor war beschädigt und wir kamen nur noch ganz langsam vorwärts. Also wieder Stop im nächsten Dorf und Suche nach einem Übernachtungsquartier.
San Jose, noch kleiner als San Martin. Aber in einer Hütte eine riesige Stereoanlage. Südamerikanische Songs in voller Lautstärke. Die Errungenschaften der modernen Welt mitten im Urwald umgeben von totaler Einfachheit und Armut . Kurios! Unser Abendessen kochten wir bei der Lehrerin in einer einfachen Hütte auf dem offenen Holzkohlenfeuer. Danach noch ein Bier aus der Kühltruhe in der "Discohütte" mit den Dorfbewohnern, die unbewegt der Musik lauschten.

Häuptlingstreffen zur Erdölproblematik
Am nächsten Morgen bestand dann Hoffnung, dass das Boot wieder fuhr. Ein Versuch, doch es kam nicht richtig aus dem Wasser. Trotzdem fuhren wir weiter und plötzlich gab der Motor seinen Geist auf. Wir lagen mitten im Urwald. Frust kam auf. Wie soll es weitergehen? Doch da ein Wunder. Ein Öltanker kam vorbei. Er nahm uns mit bis Valencia. Eine verrückte Situation mit dem Öltanker auf dem Treffen der Indigenen einzufahren.
In Valencia wurden wir schon erwartet. Ein Dorf mit ca. 25 armseligen Hütten, zwei Wasserstellen, keine Toiletten, kein Strom. Viele Kinder in zerrissener Kleidung waren auf den Beinen und bestaunten unsere Ankunft. Aber Jugendliche fehlten, das war uns schon in den anderen Dörfern aufgefallen. Sie waren abgewandert, wie uns später bestätigt wurde.
Die Schule war voll mit Häuptlingen, Frauen und Männern aus 20 Gemeinden. Die Frauen hatten zur Begrüßung an der gemeinsamen Feuerstelle des Dorfes Suppe mit Huhn, Maniok und Kochbananen gekocht. Die Versammlung begann und die Häuptlinge der verschiedenen Gemeinschaften berichteten über ihre Probleme durch die Erdölförderung in ihrer Region: Der Fluss- ehemals Fischlieferant und Quelle für Trinkwasser und zum Waschen - würde durch die Einleitung des schwermetallhaltigen Abwassers aus der Erdölförderung immer mehr verschmutzt. Hauterkrankungen, Magen- und Darmbeschwerden, Tumore und Leberschwellungen nähmen extrem zu. Lecks in den Pipelines verseuchten ganze Regenwaldgebiete. Die Ländereien für die ständig wechselnden Anbauflächen der Indigenen würden immer weiter durch die Erdölförderung beschnitten. Doch weder die Erdölfirmen noch die Regierung interessierten ihre Probleme, klagten die Häuptlinge erregt. Die medizinische Versorgung beschränke sich auf Aspirin und im Notfall auf den Transport ins Krankenhaus. Es fehle Geld für Seife, Petroleum und Benzin. Wir fühlten uns ohnmächtig angesichts der vielen Probleme, versprachen aber im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen.
Welche Bedeutung selbstverständliche Dinge wie ein Motor tatsächlich haben, konnten wir erst am nächsten Tag richtig ermessen. Wir brauchten ein Boot, um zurückzukommen. In diesem abgelegenen Dorf ein Problem. Eine schwierige Entscheidung für die Ältesten. Sollten sie uns ihren einzigen Motor leihen? Was würde passieren, wenn plötzlich ein Kind schwer krank würde? Überlegungen und Gedanken, die wir nicht kennen, da Mobilität und medizinische Versorgung bei uns selbstverständlich sind.
Wir bekamen das Boot und den Motor und fuhren zurück aus der zerstörten Idylle in die zerstörende Zivilisation.

zur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansichtzur größeren Ansicht