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Bildungsgerechtigkeit nur mit Ganztagesschulen

Die deutsche Gesellschaft verändert sich immer schneller. Eltern sind heute meist beide berufstätig, die Kinder sind nachmittags oft alleine zu Hause. Klare Lebensstrukturen und Werte verschwimmen immer mehr. Kindern fehlt häufig die Orientierung. Die Anforderungen in unserer Leistungsgesellschaft steigen ständig. Wer nicht gefördert wird, kommt oft nicht mehr mit.
Schule hat sich aber in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Die Lehrer werden immer noch zu reinen Fachvermittlern ausgebildet. Pädagogik oder gar Psychologie bleiben auf der Strecke. Die Lehrer sind so natürlich oft völlig überfordert mit den Anforderungen, die die heutige Jugend an sie stellt. Aber selbst wenn Lehrer sich vermehrt zu Pädagogen und Psychologen entwickeln, bleibt ihnen angesichts des dicht gedrängten Stoffes in der Halbtagesschule kaum Zeit für individuelle Förderung, oder persönliches Eingehen auf die Schülerinnen und Schüler.
Das kann nur eine Ganztagesschule leisten, die Zeit hat für die Kinder. PISA hat gezeigt, dass vor allem Länder, die nur Ganztagesschulen haben, am besten abschneiden. Ganztagesschule ist kein Muss für gute PISA Ergebnisse, erleichtert aber die individuelle Förderung der Kinder in einer freiheitlichen und leistungsorientierten Gesellschaft.
Das hat auch die Bundesregierung erkannt und trotz fehlender Zuständigkeit in der Bildungspolitik die "Initiative Zukunft, Bildung und Betreuung" (IZBB) verabschiedet mit dem Ziel, das Ganztagesschulangebot in Deutschland zu erhöhen. Die Länder waren in der Pflicht die Bundesinitiative umzusetzen und die Rahmenbedingungen festzulegen, wie die Gelder an die Kommunen als Sachaufwandsträger der Schulen weitergereicht werden.
Selbst der Freistaat Bayern hat inzwischen erkannt, dass die alte Familienstruktur des männlichen Ernährers und der weiblichen Familienmanagerin immer mehr abbröckelt. Ganztagsbetreuung wird seit kurzem auch in Bayern gefördert. In München werden bis 2006 allerdings nur 7 Gruppen pro Jahr gefördert. 57 Gruppen in Horten und Tagesheimen will München bis 2006 selbst finanzieren, um der immer weiter steigenden Nachfrage entgegenzukommen. Von einem flächendeckenden Ganztagesschulangebot sind wir noch meilenweit entfernt.


Schule den ganzen Tag, aber wie?

Aber was ist eigentlich eine Ganztagesschule? Als Ganztagesschule werden bezeichnet

· Schulen mit Unterricht am Vormittag und einem daran anschließenden Angebot am Nachmittag für einen Teil der Schülerinnen und Schüler (additives Modell, offene Ganztagesschule, Ganztagesbetreuung)

· Schulen mit pädagogisch rhythmisierter Gestaltung des Unterrichtstages (gebundene Ganztagesschule) Wechsel von Unterrichts-, Übungs- und Vertiefungsphasen mit musischen, sportlichen Elementen, Mittagsbetreuung und Freizeitgestaltung.

Der Freistaat Bayern hat letztes Jahr 30 Ganztageshauptschulen in Bayern eingerichtet, d.h. allerdings nur Hauptschulklassen an einer normalen Hauptschule mit gleichzeitigem Halbtagszug. Nach Stoibers Aussagen soll das Angebot dieses Jahr auf 100 Klassenzüge gesteigert werden. In München gibt es zwei Ganztagshauptschulklassen – Toni-Pfülf-Schule und Knappertsbuschschule . Die Erfahrungen der LehrerInnen sind durchweg positiv. Gerade in den Hauptschulen wird durch mehr Zeit der Zugang zu und die Förderung von oft schwierigen SchülerInnen enorm erleichtert.
Wenn die Erfahrungen so positiv sind, warum gibt es dann nicht mehr Ganztagesschulen in München? Bei Gebundenen Ganztagesschulen mit rhythmisiertem Unterricht müssen die Lehrer zu 100 % vom Staat bezahlt werden (den Sachaufwand trägt immer die Kommune!). Additive Ganztageschulen fallen dagegen nach Auslegung des Bayerischen Kultusministeriums unter die Ganztagesbetreuung, d.h. den Schulbetrieb finanziert der Staat, die Betreuung die Kommune (das gilt allerdings nur für staatliche Schulen, bei städtischen Schulen zahlt der Freistaat offiziell 61 % der Personalkosten, effektiv sind es nur 43 %) Folge: Der Freistaat, der die gebundene Ganztagesschule eigentlich nicht will, stellt kaum Geld für die Erweiterung des Angebotes zur Verfügung; die Stadt kann in ihrer finanziellen Situation auch nur das Beste aus den vorhandenen Mitteln machen. Und das macht sie!


Ganztagsangebote in München

In München gibt es außer der Willy-Brandt-Gesamtschule (und den oben erwähnten zwei Hauptschulzügen) keine gebundene Ganztagesschule. Ganztagschule findet allerdings in unterschiedlichster Form als additives Modell statt: mit Tagesheim an der Schule ( meist 5.-7.Klasse), mit Hort an der Schule, mit Schulsozialarbeit an den Hauptschulen, mit pädagogischer Nachmittagsbetreuung vor allem an den städtischen Realschulen und an zwei städtischen Gymnasien. Gerade die pädagogische Nachmittagsbetreuung an den städtischen Realschulen kommt der gebundenen Ganztagesschule schon ziemlich nahe. Zwei Realschulen bieten auch schon einen rhythmisierten Klassenzug an. Doch dieses Modell auf alle Schulen in München zu übertragen, wäre für die Stadt viel zu teuer.
Eigentlich ist Bildungspolitik ja Landespolitik. Aber wenn der Freistaat Ganztagesschulen nicht oder nur in begrenztem Umfang und dann vorzugsweise an "sozialen Brennpunkten" will, muss die Stadt versuchen mit ihren geringen Haushaltsmitteln die vorhandenen Angebote weiterzuentwickeln. Aber wie?
Vorbild ist hier für mich Rheinland-Pfalz. Pragmatisch kann hier jede Schule ihr eigenes Konzept entsprechend der Bedürfnisse vor Ort entwickeln. Dabei wird nicht nur auf die Qualifikation von Lehrkräften gesetzt. Schulen kooperieren mit Organisationen und Einrichtungen im Umfeld, öffnen sich so in den Stadtteil und bringen neben der Nutzung von Synergieeffekten auch andere Denkweisen in die Schule hinein. Das zahlt sich sowohl finanziell als auch pädagogisch aus. Schule wird wieder mehr zum Lebensraum. Ein nachahmenswertes Modell für München, dessen Erprobung wir in unserem Antrag "offene Ganztageschule" (>>> hier) gefordert haben.
Auch die Förderung des Freistaates für die vorhandenen Betreuungsmöglichkeiten steigt Jahr für Jahr an. Die freiwerdenden Gelder müssen wieder in die Erweiterung der Ganztagesbetreuung gesteckt werden. Auch die Übernahme von städtischen Schulen durch den Freistaat darf meiner Ansicht nach kein Tabuthema sein. Aber nur wenn ein Teil der Gelder aus den eingesparten Lehrpersonalkosten wieder in den Ausbau von Ganztagesschulen investiert wird.
Und nicht zuletzt hat München mit der aufgedrückten G8 Einführung jetzt die Chance einen eigenen Weg aufzuzeigen Und der muss heißen, G8 ja, aber langfristig nur als Ganztagesschule!