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Orientierung oder Förderung?

30 Jahre Orientierungsstufe sind 30 Jahre Reparatur des bayerischen Schulsystems - eine geniale Idee in einem Bundesland, das statt auf Förderung und Orientierung, immer auf Leistung und frühzeitige Selektion gesetzt hat.

Das hat die „Ori“ jahrelang erfolgreich verhindert und vielen Kindern in München die Möglichkeit gegeben, ihre Fähigkeiten in einer gemeinsamen längeren Schulzeit ohne starken Druck und mit viel Förderung zu entwickeln. Die „Ori“ - eine einmalige Chance für Spätentwickler und Benachteiligte. Und das soll jetzt vielleicht zu Ende sein?
In ihrer langen Geschichte wurde die schulartunabhängige Orientierungsstufe in Neuperlach schon oft totgesagt. Aber immer wieder wurden die Lernbedingungen an die sich verändernde Schullandschaft angepasst. Das reichte von Angleichungen an die Lehrpläne der unterschiedlichen Schultypen bis zu Sprengeländerungen und Verschiebungen in den Zugangsquoten. Dadurch hat sich die Schule langsam immer mehr verändert, besonders in den letzten Jahren. Der Anteil gymnasialgeeigneter Kinder sinkt trotz stadtweiter Sprengelöffnung ständig, immer mehr Kinder gehen jetzt gleich auf die Realschule und der Anteil der hauptschulgeeigneten Kinder steigt.

Selektion immer früher
Die Lehrpläne von Realschulen, Gymnasien und Hauptschulen driften immer weiter auseinander. Das erschwert eine längere Orientierung ungemein.
Am Gymnasium beginnen Informatik und die 2. Fremdsprache bereits in der 6. Klasse, das neue Fach Natur und Technik startet in Klasse 5. Die sechsstufige Realschule wird ab nächstem Schuljahr flächendeckend in München eingeführt. Damit erfolgt für alle SchülerInnen die Beratung für die Wahlpflichtfächer schon in Klasse 5 und 6, die Einführung dann in der 7. Jahrgangsstufe (früher 8).
Das Ansehen der Hauptschulen sinkt ständig. In München ist der Anteil aller Schulpflichtigen, die eine Hauptschule besuchen in den letzten 20 Jahren von 70 % auf 30 % gesunken. Für Neuperlach bedeutet die Existenz der Ori, dass dort die besseren hauptschulgeeigneten Kinder auf die Orientierungsstufe gehen, die Leistungsschwächeren besuchen die Hauptschulen am Gerhart-Hauptmann-Ring und an der Albert-Schweitzer-Straße.
Aber auch die Hauptschulen haben kein homogenes Anforderungsprofil mehr. Für den M-Zweig der Hauptschule (ab Klasse 7) wird das Zwischenzeugnis der 6. Klasse mit einem Notendurchschnitt von 2,33 für die Fächer Deutsch, Englisch und Mathe gefordert.

Schwierige Orientierung
Alle skizzierten Anforderungen machen die Orientierung immer komplizierter und fordern einen früheren Beginn der Differenzierung - ein organisatorischer Kraftakt, den die Schule nach eigener Aussagen bewältigen kann. Doch stellen sich angesichts dieser Veränderungen in der bayerischen Schullandschaft doch einige Fragen nach dem Verhältnis von Aufwand und Erfolg:
Ist es denn noch Orientierung, wenn die undifferenzierte Phase nur noch bis zum Dezember der 5.Klasse dauert? Verbraucht die Organisation des komplizierten Systems nicht zuviel Potential? Steht der Mitteleinsatz für die Stütz- und Liftkurse im Vergleich zum Einsatz an den jeweiligen Schularten in einem angemessenen Verhältnis zu den Ergebnissen ? Ist es angesichts des sehr niedrigen Anteils gymnasialgeeigneter Kinder bei der Aufnahme ( Schuljahr 2003/04 3,5 %) und des auch relativ niedrigen Anteils von Kindern mit Notendurchnitt 2,66 (19 %) noch vertretbar in alle drei Schularten zu orientieren?
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Ori in ihrer jetzigen Form nicht mehr passt. Was passt aber in die bayerische Schullandschaft?
Vier Modelle wurden am Runden Tisch diskutiert, ein Modell von SPD-Stadtrat Haimo Liebich zusätzlich eingebracht.

1. Beibehaltung in der jetzigen Form mit Orientierung auf drei Schularten. Dazu Ausbau der Ganztagsklassen, spezielle Förderung und Betreuung von Migrantengruppen, Reduzierung der Eingangsklassen und der Schülerzahl pro Klasse auf 28, Erhöhung der Zugangsquote von Schülern mit Notendurchschnitt 3,0 und 3,33

2. Orientierung nur noch von Hauptschule zu Realschule. Der gymnasiale Zweig fällt weg., d.h. es gibt nur noch B- und C-Kurse

3. Orientierung nur noch zwischen Realschule und Gymnasium, C-Kurse fallen weg, zusätzlich Aufnahme auch nicht realschulgeeigneter Kinder mit Notendurchschnitt 3,00 und 3,33

4. Umwandlung der Ori in eine dreizügige Hauptschule mit M-Zweig, ganztägiger Betreuung, ohne festen Schulsprengel. Zusätzliche Förderung in 5 und 6 zur Orientierung auf die Mittlere Reife oder den Quali. Individuelle Unterrichts- und Organisationsformen

5. Integration von Gymnasium und Realschule im Schulzentrum zu einer Integrierten Gesamtschule

Modell 1 klingt gut, aber auch teuer. Die offenen Fragen werden damit nicht gelöst. Die FDP und die Schule selbst favorisieren dieses Modell.
Modell 2 wird von der SPD bevorzugt. Ein Nachteil aus unserer Sicht ist es, dass immer weniger realschulgeeignete Kinder die Schule besuchen werden. Viele werden gleich auf die Realschule gehen. Die Schule könnte zu einer besseren Hauptschule auf Kosten der Stadt verkommen.
Modell 3 wird von uns befürwortet. Angesichts der Einführung des achtjährigen Gymnasiums und der damit verbundenen Leistungsverschärfungen halten wir ein Angebot zur längeren Orientierung auf das Gymnasium für notwendig. Auch wenn der Anteil gymnasialgeeigneter Kinder jetzt sehr gering ist, würde dieser sicher bei stärkerer Förderung Richtung Gymnasium steigen. Um aber auch Kinder zu fördern, die die Realschuleignung nicht mehr geschafft haben (3,0 und 3,33) sollen auch diese aufgenommen werden mit dem Ziel, eine Realschul- oder Gymnasialeignung zu erreichen. Das gilt besonders für den hohen Migrantenanteil in dieser Gruppe.
Modell 4, das vom MLLV vorgelegt wurde, wird von der CSU favorisiert. Es gibt der Ori einen völlig anderen Charakter, bietet aber guten Hauptschülern durch umfangreiche Fördermaßnahmen die Chance, die Mittlere Reife zu erreichen. Außerdem entlastet es den Stadthaushalt erheblich, da die Lehrer dann nur noch vom Freistaat bezahlt werden müssten und das Geld für individuelle Förderung zur Verfügung stände. Für uns die zweite Wahl nach Modell 3.
Modell 5 ist utopisch. Es ist zu teuer und erfordert die Bereitschaft des Werner-von-Siemens-Gymnasium und der Realschule sich aufzulösen oder Klassen abzugeben. Ohne diese Bereitschaft ist es völlig unrealistisch.
Ein breites Spektrum an Möglichkeiten, dass jetzt nach der fachlichen Diskussion politisch diskutiert werden muss. Spätestens im September soll die Entscheidung fallen.