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Bildung neu denken - in einer Reformschule für München

Die deutsche Bildungslandschaft ist geprägt vom Föderalismus und von schulischen Traditionen, die noch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen: Kleinstaaterei, Halbtagsschule, dreigliedriges Schulsystem und die Trennung von Schule und Kinder- und Jugendarbeit. Diese politischen Rahmenbedingun-gen und gewohnten Strukturen stehen in krassem Widerspruch zu den Anforderungen einer modernen, schnelllebigen und globalisierten Gesellschaft.

Große Bildungsdefizite sind die Folge, die PISA Ergebnisse haben es gezeigt. Dass es anders besser geht, zeigen Schulsysteme in Skandinavien und Kanada und seit Jahren Reformschulen in vielen deutschen Bundesländern. Bayern hat sich dem bisher völlig entzogen. Dies wollen wir Grüne im Stadtrat jetzt ändern und mit dem Aufbau einer Reformschule in München zeigen, dass eine andere Schule die bildungspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft meistern kann.
Deutschland spricht seit PISA über Bildung und deren Defizite. Es wird viel geredet, doch passiert ist wenig. Auch wenn Bayern im Ländervergleich am besten abschneidet, wird das Hauptproblem des deutschen Bildungssystems - die mangelnde Chancengerechtigkeit - weiter ignoriert. In keinem anderen Bundesland entscheidet die soziale Herkunft so stark über den Bildungserfolg. In Bayern haben Kinder aus einem reichen Elternhaus eine 6,7 mal größere Chance ein Gymnasium zu besuchen als Altersgenossen aus sozial schwachen Familien. Das ist ein Skandal, denn Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg in unserer Gesellschaft. Hauptziel der Reformschule muss es deshalb sein, die soziale Ungleichheit im Bildungssystem zu reduzieren.
Um dies zu erreichen, ist es notwendig andere organisatorische Strukturen zu schaffen, in denen neue pädagogische Konzepte und didaktisch-methodische Verfahren auch greifen können. Eine lange gemeinsame Schulzeit beginnend mit dem letzten Kindergartenjahr bis zur 10. Klasse erscheint uns zielführend für den Bildungserfolg. In rhythmisiertem Ganztagsunterricht soll der Tagesablauf entwicklungsangemessen auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen abgestimmt werden, wobei sich Lernzeiten, Zeiten für Entspannung sowie freie Zeiten in einem pädagogisch ausgewogenen Verhältnis abwechseln. Wir streben eine Schule an, die Kindern und Jugendlichen aller sozialen Bevölkerungsgruppen offen steht. Dabei legen wir besonderen Wert darauf, dass Kinder aus unteren Statusgruppen und mit Migrationshintergrund eine Chance haben, diese Schule zu besuchen und in ihr gefördert zu werden. Der frühen Förderung der Kinder und der Sprachförderung kommt hier eine besondere Bedeutung zu.

Verschiedenheit als Chance

Das Bayerische Bildungssystem mit seiner Dreigliedrigkeit geht von der Fiktion der Homogenität des Leistungsniveaus in der Schule aus. Durch die Auslese nach der 4. Klasse sollen die Schülerinnen und Schüler auf die Schulen verteilt werden, die ihrer Begabung entsprechen. Doch das funktioniert nicht, denn jedes Kind ist anders und entwickelt sich anders. Man kann einem 10jährigen Kind nicht ansehen, wie es sich einmal entfalten wird. Die Folge der frühen Auslese ist, dass die Kinder oft überfordert, zugleich aber auch unterfordert sind. Lehrer bemühen sich zu wenig um die einzelnen Schüler, denn der Glaube an die Homogenität macht es leicht, ein vermeintlich nicht leistungsfähiges Kind auf eine andere Schule zu schicken. Ein Teufelskreis, dem man nur entgehen kann, wenn man Heterogenität als Chance begreift. Dies muss das zweite Leitziel der Reformschule sein.
Menschen sind verschieden und die Reformschule setzt darauf, diese Verschiedenheit zu akzeptieren und sie als Bereicherung der Gemeinschaft zu begreifen. Respekt vor dem anderen und der Andersartigkeit statt Diskriminierung sind die Leitmotive. Dazu gehört es auch, andere Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen und zu respektieren.
In jahrgangsgemischten Gruppen lernen die Kinder mit- und voneinander, wechseln ständig die Rollen und können dadurch ihre individuellen Fähigkeiten besser entfalten und in die Gruppe einbringen. So wird der Konkurrenzdruck genommen und den Kindern Zeit gelassen, sich in ihrem individuellen Tempo zu entwickeln. Dies gilt vor allem für die ersten Jahre. Ob die Jahrgangsmischung bis zur 10. Klasse beibehalten werden soll, ist noch zu überlegen.

Im Mittelpunkt: die Individualität des Kindes

Nicht Auslese und Leistungsdruck bringen den größten Bildungserfolg. Wichtig ist es, Stärken zu stärken und Schwächen zu schwächen. Nicht die soziale Stellung und die elterliche Vor- und Nachsorge dürfen über den Lernerfolg bestimmen, sondern die individuellen Fähigkeiten müssen gefördert werden. Nur so wird jedem Kind die Chance zum Bildungserfolg eröffnet.
In offenen Unterrichtsformen können die Kinder ihren Neigungen und Interessen besser nachgehen, entsprechend ihren unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Aufnahmetempi, sie können mit unterschiedlichem Material auf unterschiedlichem Niveau arbeiten. Projektlernen, Wochenplanarbeit, Werkstattunterricht etc. ermöglichen das Lernen in größeren Erfahrungsbereichen und das individuelle Eingehen auf die Lernbedürfnisse des Kindes. Der Lehrer wird zum Lernbegleiter. Er konzipiert und arrangiert die Lernumgebung, begleitet und beobachtet, analysiert und reflektiert die Lernwege. Er beobachtet die Schülerinnen und Schüler intensiv, diagnostiziert ihre Lernprobleme und entwickelt gezielte Förderpläne und Lernportfolios für jedes einzelne Kind. Noten und Sitzenbleiben sind hier kontraproduktiv. Eine individuelle Leistungsfeststellung z.B. in Form von Lernfortschrittsberichten gibt Hinweise auf Defizite und Fördermöglichkeiten.
Trotz aller Besonderheiten muss die Reformschule sich aber auch in die bayerische Schullandschaft integrieren, damit die Kinder die Möglichkeit haben, in das reguläre Schulsystem einzusteigen. Dazu brauchen sie Abschlüsse und Übergangsregelungen (Kindergarten - Schule, Grundschule - weiterführende Schule). Die Reformschule muss schon vor ihrer Gründung Konzepte mit den jeweiligen Institutionen für den Übergang bzw. den Abschluss entwickeln.

Gelebte Demokratie

Schule darf sich in Zeiten der Globalisierung nicht auf Wissensvermittlung und Stärkung der individuellen Fähigkeiten reduzieren. Schule muss Kindern und Jugendlichen demokratische Grundfertigkeiten vermitteln. Teilhabe und Verantwortung sind Leitziele, die in der Schule vorgelebt und erlernt werden müssen. Dazu gehört es, dass die Reformschule finanziell selbständig handeln und auch selber entscheiden kann, wer an dieser Schule unterrichtet. Denn eine Schule, die die Individualität des Kindes in den Mittelpunkt stellt, braucht Lehrer, Pädagogen und Psychologen, die sich dieser Herausforderung stellen wollen. An Gymnasien und Realschulen ist die Bereitschaft auf Kinder individuell einzugehen bisher kaum gefragt, auch Grundschulen und Hauptschulen orientieren sich mehr an vorgegebenen Lernzielen als am Kind. Deshalb muss die Schule selbst entscheiden können, wer zum neuen Konzept und ins Team passt. Denn auch die Zusammenarbeit der Lehrer untereinander ist für das Gelingen der Reformschule maßgeblich.
Um die jungen Menschen auf die Gesellschaft vorzubereiten, soll die Schule als kleine Gesellschaft in der großen Gesellschaft gestaltet werden. Dazu bedarf es einer Schulkultur, die die Kinder und Jugendlichen mitreden lässt und ihnen auch Verantwortung überträgt. Mitbestimmung und Beteiligung der Schüler müssen in der Schule in eigenen Gremien und Strukturen verankert sein. Nur so können Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Interessen zu artikulieren und Konflikte zu regeln. Teilhabe heißt aber auch kulturelle Teilhabe. Dazu gehört Theater, Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und das eigenverantwortliche Gestalten von schulischen Veranstaltungen.
Nicht zuletzt erfordert eine demokratische Schule auch die Kooperation mit den Eltern, die intensiv ins Schulleben eingebunden werden müssen.

Kooperation und Vernetzung nach außen

Schule ist keine Insel. Die moderne Schule muss sich ins Stadtviertel öffnen und vielfältig mit unterschiedlich-sten Akteuren außerhalb der Schule kooperieren. Leitziel der Reformschule ist die vernetzte Schule in der Stadt.
Kooperationen mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, mit Kunst, Kultur, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft sollen das Schulleben bereichern und auch den Unterricht der Lehrerinnen und Lehrer in der Ganztagsschule zum Teil ersetzen. D.h., unterrichtet eine SozialpädagogIn, eine WissenschaftlerIn oder eine RedakteurIn, sind Lehrerinnen und Lehrer in der Regel nicht mehr anwesend, wie es bisher üblich war. Das spart Geld und stärkt die Wertigkeit der Unterrichtenden. Auch ist es notwendig, dass die Lehrerinnen und Lehrer und die kooperierenden Einrichtungen, Unternehmen und Institutionen auf gleichberechtigter Ebene im Kontext ganzheitlicher Bildung zusammenarbeiten. Im Klartext: Die Arbeit der LehrerInnen ist nicht mehr wert als die Arbeit der unterrichtenden Sozialpädagogen, Künstler oder Handwerker.

Einsamer Leuchtturm oder grünes Signal?

Klingt alles toll, werden wahrscheinlich viele denken. Aber wäre diese Schule nicht ein einsamer Leuchtturm in der bayerischen Bildungslandschaft? Wollen wir eine Leuchtturmpolitik?
Ja, ich denke schon. München ist eine Schulstadt und wir haben dem Freistaat immer gezeigt, wohin Schule und Bildung sich entwickeln müssen. Das Kultusministerium hat in den letzten Jahren nachgezogen und beginnt, viele Münchner Ansätze und Forderungen im Bildungsbereich anzuerkennen und auch umzusetzen ( Ganztagsschulen, pädagogische Schulentwicklung, Modus 21...). Es wird Zeit, dass München wieder ein Zeichen setzt. Mit der Reformschule kann München – und damit vor allem rot-grün - beweisen, dass ein innovatives Bildungskonzept die bayerischen Defizite beheben kann. Davon bin ich überzeugt. Aber Glaube ist gut, Evaluation ist besser. Deshalb soll die Reformschule wissenschaftlich begleitet werden. Dazu haben wir schon erste Gespräche mit der LMU geführt.
Aber was nützt uns ein Leuchtturm, der nichts auf andere Schulen übertragen kann? Wir denken an Vernetzung mit anderen Grundschulen und weiterführenden Schulen im Umfeld der Reformschule. Wünschenswert wäre auch die Übertragung und Umsetzung von Teilen der Modellinhalte auf Kooperationsschulen. Der Standort der Schule wird noch eingehend diskutiert werden.
Vorrangig ist jetzt erst einmal die Genehmigung durch den Freistaat. Eine große Hürde, denn die entscheidende Frage ist: Wird sich das Kultusministerium ein solches Ei ins eigene Nest legen? Wir hoffen darauf und vertrauen auch auf den Einfluss des Bildungspaktes Bayern und der bayerischen Wirtschaft, die innovativen Schulprojekten bisher sehr offen gegenübergestanden sind. Sollte sich das Kultusministerium dennoch querlegen, bliebe nur die Konstruktion einer Privatschule unter öffentlicher Trägerschaft der LH München – eine Lösung, über die noch diskutiert werden muss.