Das Bildungsdrama
Im OECD-Vergleich haben deutsche Schülerinnen und Schüler in der internationalen Vergleichsstudie Pisa (Schwerpunkt Lesen) unterdurchschnittlich abgeschnitten. In allen drei gemessenen Kompetenzfeldern Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften liegen die Ergebnisse der deutschen 15-jährigen Schülerinnen und Schüler im letzten Drittel der untersuchten Staaten (wobei weniger abfragbares Wissen als ein grundsätzliches, auch anwendungsbezogenes Verständnis des Gegenstandsfelds im Mittelpunkt stand). Im Bereich der Lesekompetenzen (dem Schwerpunkt der Studie) haben fast ein Viertel der in Deutschland Getesteten entweder gar keine oder nur die unterste der fünf Kompetenzstufen erreicht und sind somit hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Chancen als "Risikogruppe" zu bezeichnen. Die wenigsten Jugendlichen lesen gerne und freiwillig Bücher.
Diesen Zahlen hinsichtlich der leistungsschwachen SchülerInnen steht aber nicht etwa eine überdurchschnittliche "Elite" gegenüber - hier erreicht Deutschland gerade knapp den Durchschnitt.
Erschreckend ist insbesondere, dass gerade in Deutschland die Bildungsbenachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien und von Migrantenkindern am extremsten ausgeprägt ist (auch im Vergleich zu Ländern mit ähnlicher Migrationssituation). Keinem (!) der untersuchten Bildungssysteme gelingt es in so geringem Ausmaß, soziale Herkunftsnachteile auszugleichen. Andere Länder wie Finnland schaffen es hingegen, ein insgesamt hohes Durchschnittsniveau, ausgeprägte Höchstleistungen sowie die Förderung sozial Benachteiligter zu verbinden.
Unsere Schulen sind nicht mehr zeitgemäß.
Vieles, was die PISA Studie für die deutschen Schulen herausgefunden hat, habe ich als Schülerin, als Lehrerin und als Mutter jahrzehntelang erlebt: zuviel Frontalunterricht, kaum eigenverantwortliches Lernen, keine Vernetzung der einzelnen Unterrichtsfächer, dafür stupides Festkleben am 45 Minuten Unterricht, eine viel zu fachwissenschaftliche Ausbildung der Lehrer, wenig Kenntnisse in Didaktik und Pädagogik, ein unfähiges, nicht ausgebildetes Schulmanagement und und und ... Seit Jahren wird geredet, doch es passiert nichts. Hier ein bisschen Kosmetik, dort ein paar Projektversuche. Sonst blieb alles beim Alten auch der ideologische Streit über die Schulsysteme zwischen den einzelnen Bundesländern.
Dabei wäre es höchste Zeit, dass die Schule endlich auf die Veränderungen in der Gesellschaft reagiert. Immer mehr Alleinerziehende, doppelt berufstätige Eltern und neue Lebensformen erfordern eine andere Schule als die alte Halbtagsschule mit ihrem vollgestopften Lehrplan, der für Förderungen, Neigungen und Entwicklungen keinen Raum lässt.
Eine zeitgemäße Schule, die Kinder auf die heutige Gesellschaft vorbereitet, braucht finanzielle Eigenständigkeit, kurze bündige Lehrpläne mit Zielvorgaben und Zeitbudget, eine spätere Auslese ( 7., 8. oder 9.Klasse), Vernetzung der Fächer, weg vom 45 Minutenunterricht, offenen Unterricht, Ganztagsunterricht um Schwächere zu fördern und Neigungen zu entwickeln, Mitbestimmung der Schüler, Managementkurse für Direktoren, Teamarbeit der Lehrer und eine praxisnähere Ausbildung. Ein Traum? Nein, in Schweden ist dieser Traum Realität.
Vorbild Skandinavien
Vergleichen wir das deutsche Bildungssystem mit dem Finnland und Schweden, die in den genannten Kategorien einen Spitzenplatz einnehmen:
Schweden
In Schweden z.B. werden bis zur 8. Klasse keine Noten vergeben, bis zur 9. Klasse gibt es eine Art Gesamtschule ohne Selektion nach Leistungsgruppen, 90% besuchen nach der 9. Klasse die Oberstufe und 70% erreichen die Hochschulreife. Die Schulen sind Ganztageseinrichtungen oft ohne den starren 45-Minuten-Rhythmus. Sie zeichnen sich durch eine großes Maß an Autonomie auch im finanziellen Bereich aus. Evaluation und belebende Konkurrenz zwischen den Schulen, pädagogischer Austausch zwischen LehrerInnen und pädagogische Fortentwicklung der Schulen sind die Regel. Die Lehrpläne sind nicht überfrachtet. Statt einer "Überfülle an Lehrinhalten" gibt es nur Lernzielvorgaben, die jede Schule auf ihre eigene Art, individuell, erreichen kann.
Finnland
Ähnlich stellt sich die Situation beim Pisa-Spitzenreiter Finnland dar. Nach der 9-jährigen Gesamtschule gehen 95 % der SchülerInnen bis zur 12. Klasse zur Schule. Verzahnungen der Schulen mit der Region und gemeinsame Projekte mit der Wirtschaft sind an der Tagesordnung. Die Bildungsausgaben liegen übrigens um ein Drittel über dem europäischen Durchschnitt.
In vielen Ländern mit guten Pisa-Ergebnissen wird viel mehr Wert auf die frühkindliche Bildung bereits im Kindergartenbereich (bzw. in den "Vorschulen") gelegt als in Deutschland.
Antiquierte Konzepte der CSU
Im Gegensatz zur Bayerischen Schulpolitik schneiden Länder die,
- Kinder früh fördern statt sie frühzeitig nach ihrer Leistung zu selektieren,
- über ein gutes Ganztagsangebot verfügen statt den ganzen Unterricht in den Vormittag zu pressen
- auf die pädagogische Fortentwicklung des Unterrichts Wert legen statt endlose Lehrpläne abzuarbeiten
im Test also weit besser ab. Dies ist ein Schlag ins Gesicht für die bayerische Staatsregierung, die mit der von uns kritisierten Realschulreform den Selektionsdruck in der vierten Klasse weiter verschärft hat und nur sehr zögerlich auf die Nachfrage nach Nachmittagsbetreuung und Ganztagsschulen reagiert.
Es zeigt sich hier wie antiquiert der Familienbegriff der CSU ist, die noch nicht verstanden hat, dass für die Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft auch die ganze Gesellschaft verantwortlich ist und es illusionär ist, die Lösung der Probleme allein von den Familien zu erwarten. Dabei vermeiden wir aber das etatistische Missverständnis vieler Sozialdemokraten und laden die Probleme nicht allein beim Staat ab, sondern bauen auch auf das hohe Potential bürgerschaftlichen Engagements. Gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die zukünftige Generation schließt alle relevanten Akteure der Stadtgesellschaft ein. Auch die Wirtschaft ist hier gefordert.
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